Barbara Töpper-Fennel
Geheimer Code
Ausstellung vom 2. Juni bis 8. August 2008

Barbara Töpper-Fennel:
Geheimer Code - Fotoausstellung
Wer kennt das nicht: zerkratzte Fensterscheiben in S-Bahnen und Bussen, mit kryptischen Schriftzügen vollgeschmierte Wände
im öffentlichen Raum? Wer hätte sich nicht schon darüber geärgert? So allgegenwärtig sind diese Zeichen aber auch, dass wir
uns an ihren Anblick beinahe gewöhnt haben, dass wir sie oft genug gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.
Ihre Allgegenwart könnte als allgemeine Verwahrlosung oder zumindest Disziplin- und Zügellosigkeit gedeutet werden, als Hang
zur Destruktion oder auch nur Ausdruck für gähnende Langeweile in einer saturierten Gesellschaft. Mag sein, dass solche Deutungsmuster
auch zutreffen. Sie lassen aber außer Acht, dass es sich bei den Zeichen, denen wir allenthalben begegnen, auch um einen geheimen
Code handelt, in dem sich die Angehörigen einer bestimmten Kultur untereinander verständigen. Es ist dies die globale Hip-Hop-
und Rap-Kultur der Jugend, und sie ist immer auch Ausdruck eines spezifischen Jugendprotestes: gegen die saturierte Gesellschaft,
gegen die Regeln und die Ordnung der Erwachsenen, deren demokratischer Anspruch der Realität oft genug nicht standhält, und
ganz sicher auch gegen die Angst vor der Zukunft in einer immer komplexer und undurchschaubarer werdenden Welt, die Angst
vor dem Erwachsen-Werden, welche bei aller gleichzeitigen „Sehnsucht nach Zukunft“ (Sartre) immer auch dazu gehört. Dieser
generationenspezifische Protest vermischt sich natürlich mit dem Protest der wenig Privilegierten und Außenseiter gegen die
Etablierten, dessen Konfliktlinien vielfältig und kaum noch durchschaubar, jedenfalls kaum noch organisierbar geworden sind.
Scratches und Tags sind somit, wie die gesamte Graffitti-Kultur, eine Art Ventil und eine Selbst-Ausdrucksmöglichkeit, auch
eine Art Reviermarkierung für die Jugendlichen bzw. eine bestimmte Gruppe von ihnen. Dafür werden alle zur Verfügung stehenden
Flächen genutzt: Wände, Scheiben, notfalls auch die Staubschicht auf den Scheiben, in die man mit den Fingern malen kann,
wenn weder Stift noch spitzer Kratzegegenstand zur Verfügung stehen. Hier berührt sich übrigens – was oftmals in Vergessenheit
gerät - die Geschichte mit einer viel älteren Sache, welche bereits die Dichter der Romantik in ihren Liedern besangen: „...ich
schnitzt in seine Rinde so manches liebe Wort...“
Die Graffitti-Kultur ist in erster Linie eine großstädtische, weil hier die Strukturen am undurchschaubarsten, die Orientierungsmöglichkeiten
am geringsten, die öffentlichen Räume dominant (öffentliche Verkehrsmittel, Bahngelände usw.) und daher die ganz praktische
kommunikative Funktion des geheimen Codes am größten ist. Doch auch in mittelalterlichen Kleinstädten finden sich solche Scratche
und Tags und selbst dort, wo man sie am wenigsten erwarten würde: in abgelegenen Winkeln der Natur.
